Veröffentlicht in Allgemein, Dienstags-Depression

Suizid und ich

Trigger Warnung, da es hier um Suizid geht!

Am Montag, dem 10.09.2018, war ein ganz wichtiger Tag für mich: „Welttag der Suizidprävention“! Seit rund 10 Jahren versucht die WHO (Weltgesundheitsorganisation) mit diesem Tag mehr Aufmerksamkeit für dieses Tabuthema zu bekommen. Leider ist er bei den meisten noch gar nicht bekannt. Erst dieses Jahr habe ich rein zufällig durch Instagram davon erfahren.

Suizid ist ein sehr heikles Thema und keiner weiß so genau, wie er darüber reden kann/darf/soll. In vielen Köpfen sind Vorurteile fest verankert und die Medien scheinen auch nicht den besten Umgang damit zu haben. Ich wünsche mir sehr stark, dass sich dies bald ändern wird.

Diesen Artikel zu schreiben, fiel mir wirklich sehr schwer und ich habe viel länger gebraucht, als erwartet. Eigentlich sollte dieser Artikel schon am 11.09. draußen sein, doch wie gesagt, das ist ein sehr schwieriges Thema – auch für mich. Viele Gefühle sind hochgekommen und haben mich wieder an alte Narben erinnert, welche ich gern ausblende, um nicht wieder „rückfällig“ zu werden. So genau weiß ich nicht, was ich hier schreiben möchte. Einen Faden habe ich nicht. Ich schreibe einfach frei wie es grade kommt.

Warum schreibe ich diesen Artikel überhaupt?

Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen. Ich selbst war sehr lange suizidgefährdet. Es war die Hölle. Viel zu lange hatte ich keinen, mit dem ich darüber reden konnte. Ich habe mich allein gefühlt. Niemand hat meine Situation verstanden. Ich selbst auch nicht. Hiermit hoffe ich, anderen zu zeigen, dass sie nicht allein sind! Du bist nicht allein! Es gibt viele, die dich verstehen, die auch in dieser Situation sind und auf der Suche nach Hoffnung sind.

Warum lebe ich noch?

Um ehrlich zu sein, so genau weiß ich das nicht. Es gab viele Faktoren. Ich glaube, ich hatte einfach Glück! Doch einige Dinge, haben sich besonders hervorgetan. Sie haben mich irgendwie gezwungen am Leben zu bleiben, wie meine Tochter, die nur von meiner Brust getrunken hat. Sie hat keine Flasche genommen. Wie sollte sie weiterleben, wenn ich weg bin? Oder auch mein Glauben, er hat mir eine andere Perspektive auf dieses Leben gegeben. Zwar habe ich oft mit ihm gerungen und gekämpft, doch am Ende, war er es, der gewonnen hat und mir das Gefühl gegeben hat, dass ich noch ein kleines bisschen länger aushalten kann.

Lange wusste ich nicht, dass ich selbstmordgefährdet war. Schon in meinen Teenagerjahren habe ich oft daran gedacht, ohne es wirklich zu begreifen. Das hört sich vielleicht komisch an, doch so war es! Erst als meine Therapeutin (da war ich schon 23) mich mal darauf hinwies, was ich mir da eigentlich immer vorstelle und was ich da für ein Verlangen habe, wurde es mir bewusst. Am Anfang stritt ich es noch ab. Ich dachte mir „Ach ne, so schlimm kann es bei mir doch noch gar nicht sein!“ Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Als ich es dann akzeptierte, hat sich einiges in meinem Leben verändert! Zu akzeptieren, dass ich suizidgefährdet war, hat mir die Augen geöffnet! Es war DER Anfang meiner Heilung! Ich konnte besser an mir arbeiten und nach und nach fasste ich den Mut, auch darüber zu sprechen. Ich habe es nur sehr wenigen Menschen erzählt, da es kein bequemes Thema ist und ich selbst noch sehr unsicher war und viele Ängste hatte, was die anderen dazu sagen könnten. Die meisten Menschen in meinem Leben wussten bis vor kurzen noch gar nichts davon. Bis ich auf Instagram zum „Welttag der Suizidprävention“ einen Beitrag geschrieben habe.

Ich bekam ganz unterschiedliche Reaktionen, wenn ich mit Menschen darüber redete. Mein Mann hat es am Anfang verdrängt. Er wollte es nicht wahrhaben, dass es so schlimm ist. Wir hatten ein Gespräch darüber und das nächste mal, als wir darüber sprachen, hatte er es schon wieder ganz und gar vergessen, dass ich in solch einer Situation war. Es fiel ihm unheimlich schwer die Situation zu akzeptieren und darüber zu reden. Doch ich hatte das große Bedürfnis darüber zu reden, denn ich merkte, so mehr ich darüber rede, desto mehr half es mir!
Meine Eltern stellten mir einige Fragen und versuchten herauszufinden, wie sie mir helfen könnten. Ich hatte viele Gespräche mit meinem Vater. Er stellte mir viele Fragen, wollte wissen, wie sich das so zeigt, warum ich in dieser Situation bin, was man machen kann, was ich dagegen tue und vieles mehr. Mit den meisten Fragen war ich total überfordert, doch es half mir, mich mehr mit mir selbst und dem Thema auseinander zu setzen und es half ihm, besser mit mir umzugehen. Wenn mir die Gespräche zu viel waren oder ich keine Antwort hatte, habe ich das auch ganz klar gesagt. Das war auch gut so! So musste ich nicht über meine Grenzen gehen und er hat mir auch immer das Gefühl gegeben, dass er es akzeptiert.
Es gab einen Freund, welcher nur ein paar Monate in unserer Nähe gewohnt hat und dann leider wieder weggezogen ist. Mit ihm hatte ich lange, tiefe Gespräche. Er selbst litt an Angststörungen, Depression und einigen anderen Dingen. Er verstand mich. Wir halfen uns gegenseitig. Es gab mir ein beruhigendes Gefühl mit ihm zu reden. Zu wissen, dass ich nicht allein bin. Zu wissen, dass mich jemand verstand. Zu wissen, dass ich mit ihm reden konnte, wenn ich jemanden zum reden brauchte. Darüber zu sprechen, gab mir mehr Sicherheit.
Viele, konnten gar nicht richtig begreifen, was es denn eigentlich bedeutet „suizidgefährdet zu sein“. Oft bekam ich Kommentare wie: „Du bist doch immer so glücklich. Du siehst gar nicht so aus.“ Wie sieht denn so jemand aus? Ganz normal, wie jeder andere Mensch auch! Von außen ist es schwer zu erkennen. Erst auf dem zweiten oder dritten Blick. Erst wenn man zwischen den Zeilen ließt, kann man erste Zeichen erkennen.

Habe keine Angst, mit anderen darüber zu sprechen! Such dir die Leute sorgfältig aus. Viele werden am Anfang geschockt sein, doch es lohnt sich! Es lohnt sich darüber zu reden. Es lohnt sich, sich zu öffnen. Man braucht viel Geduld, doch es lohnt sich!
Mir hat es auch geholfen jeden noch so kleinen Gedanken in mein Tagebuch zu schreiben. Tagebuch schreiben ist eines der besten Therapien, wie ich finde. [Natürlich braucht man trotzdem professionelle Hilfe!] Schreiben wirkt befreiend und hilft einen klareren Kopf zu haben. Wenn ich geschrieben habe, sind mir einige Dinge klar geworden. Ich konnte das Wirrwar in meinem Kopf etwas ordnen und hatte irgendwie auch jemanden, mit dem ich über alles reden konnte, ohne verurteilt zu werden.

Der Tod und ich

Ich habe eine sehr komische Beziehung zum Tod. Mittlerweile haben wir Frieden geschlossen. Sehr selten habe ich noch Gedanken an Selbstmord. Fast gar nicht mehr. Doch noch gar nicht so lang her, war es anders. Jeden Tag habe ich daran denken müssen. Jeden Tag habe ich es mir ausgemalt. Wenn ich Messer/Klingen gesehen habe, musste ich dran denken. Wenn ich an einer Straße stand, musste ich dran denken. Wenn ich an einem Gleis stand, musste ich daran denken. Wenn ich irgendwo hoch oben stand, musste ich daran denken.
Oft schien es mir, dass es ja so einfach wäre! Doch hatte ich auch gleichzeitig Angst. ich hatte Angst zu nah an die Straße zu gehen, weil ich Angst hatte, dass ich diesem Verlangen nachgeben würde. Ich hatte Angst, irgendwo hoch oben zu sein, weil es dann so einfach ist loszulassen. Anderen sagte ich, ich habe Höhenangst. Doch eigentlich hatte ich mehr Angst vor mir selbst!

Oft machte ich mir Vorwürfe, ich sei zu schwach! Zu schwach es einfach zu tun, deswegen bin ich auch nicht würdig nach Hilfe zu Fragen. Mich würde doch keiner Ernst nehmen! Meine „richtigen“ Versuche hatte ich nicht bis zum Schluss durchgeführt. Bin ich dann also wirklich suizidgefährdet? Muss man es erst richtig versuchen, um „wirklich“ suizidgefährdet zu sein?
Wenn du die gleichen Gedanken hast, dann BITTE glaub dir nicht! Du bist es wert! Du wirst ernstgenommen werden! Bitte lass es nicht so weit kommen. Du musst kein Suizidversuch überleben, um ernstgenommen zu werden! Bitte such dir Hilfe! Es gibt viele Wege, Hilfe zu bekommen.

Sei stolz auf dich, dass du noch lebst, weil du es noch nie richtig „durchgezogen“ hast! Das ist keine Schwäche! Vielleicht ist es eher ein Zeichen, dass dein innerster Wunsch zu leben, stärker ist, als du glaubst. Vertraue darauf! Du lebst! Auch wenn das zur Zeit für dich ehr eine Last ist. Wie wunderschön, dass du da bist! Wie wunderschön, dass du lebst! Wie wunderschön, dass es dich gibt!
Ich kann es gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich mir wünsche, dass du bleibst, dass du es schaffst und dass du wahre Freude findest! Es ist grauenvoll in solch einer Situation zu sein! Es ist die Hölle! Ich weiß da. Doch du bist nicht allein! Du hast es bis hier hin geschafft! Du schaffst auch noch einen weiteren Tag! Du schaffst es daraus!

Was soll ich noch schreiben? Ich hatte überlegt, noch etwas genauer von mir zu erzählen, doch vielleicht ist das gar nicht so gut. Die letzten Tage hatte ich echt zu kämpfen, als ich über die Vergangenheit nachgedacht habe. Ich möchte bei anderen nicht das Gleiche auslösen.
Doch wenn du noch Fragen hast, egal welcher Art, über dieses Thema, dann schreib mir entweder in den Kommentaren oder über das Kontaktformular. Ich möchte gern Helfen Vorurteile auszuräumen, mehr Verständnis und Licht in dieses Thema zu bringen und vielleicht auch den ein oder anderen etwas Hoffnung zu geben.

Hier noch ein paar Webseiten, die vielleicht auch noch die ein oder andere Frage beantworten können bzw Hilfe geben können:

Leben ohne dich

suizidpraevention-deutschland

du bist es wert

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